Erinnerung

Einmal zeigte mir mein Vater seine alten Dias. Es waren Familienfotos von früher, vergangene Geschichten, die ich nicht kannte und die dennoch ein Teil meiner Selbst waren. Mein Vater fuhr mit dem Finger über die projezierte Fläche, nannte Namen und erzählte seine zahlreichen, meistens etwas ausgeschmückten Anekdoten. Als ich auf ein unbekanntes Gesicht auf dem Bild zeigte und fragte, wer das sei, wurde er nachdenklich. Das wusste er nicht mehr. Auf den nachfolgenden Dias waren immer wieder Gesichter zu sehen, die er nicht mehr einordnen konnte. Dabei sahen sie mitten in diesen Familienerinnerungen so lebendig aus, so vertraut… Und nun wusste keiner mehr, wer sie waren.

Dieser Gedanke lies mich nicht mehr los. Wie merkwürdig ist das, dass Menschen, die uns heute so wichtig, so unabdingbar erscheinen, nach wenigen Jahren schon vergessen werden. Wie merkwürdig sich vorzustellen, dass in wenigen Generationen auch Bilder von uns, unseren Freunden und Familien entsorgt werden, weil keiner mehr etwas mit den in die Kamera starrenden Blicken anfangen kann. Es ist nur eine Frage der Zeit bis Gefühle und Beziehungen, die lebensnotwendig zu sein scheinen, irgendwann im Meer der verlorenen Erinnerungen versinken.

Ich schaute mir alte Familienfotos von Menschen an, die ich nicht kannte. Menschen, die wahrscheinlich längst tot sind. Menschen, die gelacht, gearbeitet, geliebt und gelitten haben. Sie wirkten so anders als die Menschen auf unseren heutigen Schnappschüssen. Damals ein Familienfoto machen zu lassen, war auch ein kleines Ereignis. Es verlangte Vorbereitung, Geduld. Ganz anders als heute. Wir fotografieren ständig und überall. Die Zeit, um diese Fotos in Ruhe zu betrachten, haben wir meistens nicht. Die Flut an Bildern bleibt überwiegend auf dem Friedhof der Gigabites verborgen. Anders die alten Fotos. Sie waren mühsam herzustellen und dementsprechend wurden sie zelebriert. Diese Familienporträts haben eine magische Anziehungskraft. Trotz der gestellten Posen verraten sie uns etwas über die zwischenmenschlichen Beziehungen. Eine bestimmte Hierarchie, eine kleine Geste der Zuneigung, das Antlitz. Vor allem die Gesichtsausdrücke sind faszinierend. Auf uns wirken die Dargestellten oft ernst und unenspannt. Aber waren die Menschen wirklich so steif wie sie auf den Bildern wirken? Oder galt das nur für die Außendarstellung? Teilweise liegt diese Steife in der Technik begründet, da man sich während der Aufnahme nicht bewegen durfte, damit das Foto nicht verwackelte. Was dachten sich die Frauen und Kinder dabei? Saßen sie gerne Modell? Hatten sie Spaß und machten sie Scherze darüber? Oder fühlten sie sich gezwungen? Mochten sich die Familienmitglieder oder herrschte Streit zwischen ihnen? Standen sie widerwillig da? Wären sie lieber gegangen? Waren sie glücklich?

Ähnlich wie mein Vater könnte ich die Namen dieser Menschen nicht nennen. Aber aus der Ungewissheit über ihre echten Geschichten schöpfen die Gemälde die Möglichkeit, neue, spekulative Geschichten zu erzählen. Damit sie nicht vergessen werden.