Fairtrade

Die Amme ist eine geliehene Mutter. Aber kann man Zuneigung ausleihen? Meistens wurde ihr Kind weggebracht, damit sie ein fremdes Kind ernährte. Ist sie aber dann dazu fähig, für das Kind, das den Platz ihres Eigenen wegnahm, Gefühle übrig zu haben? Wie fühlt sich ein Mensch in dieser Lage? Versucht er zu vergessen? Oder sich zu erinnern? Findet er Trost, indem er das neue Kind auf dem Schoß hält? Oder lehnt er es heimlich ab? Das Kind kann nichts dafür. Aber ist es möglich die Größe zu haben, das zu akzeptieren? Gibt es Verständnis? Zuwendung? Ablehnung?

Wie in der Ikonografie von Maria mit dem Jesuskind wiederholen diese Sklavinnen die Geste der beschützenden Mutter, sie inszenieren das Mutterschaftsidyll. Während die christliche Ikonografie einen Moment der Harmonie zwischen Mutter und Kind darstellte, tragen die kolonialen Madonnen aus „Fairtrade“ eine Geschichte von Leiden und Nöten. In diesen Gemälden sind die Gesichter der Kinder unscharf, die Farbe ist wässrig und breitet sich aus wie ein Fleck. Das Antlitz der Frauen ist widerum genauer umrissen, manchmal aus einer schweren Farbmasse bestehend; es hat eine starke, bleibende Präsenz. Sie sind es, die die Hauptrolle spielen. Hier sind es ihre Gedanken und Gefühle, die das Interesse wecken sollen. Wie war ihr Leben als „Ersatz-Mutter“? Welches Schicksal traf ihre eigenen Kinder?

Diese Frauen sind wie ein historisches Monument. Ihr privates Leiden gehört bereits der Vergangenheit an. Aber die Fäden ihrer Schicksale erreichen uns bis heute.